Wir haben den besten Musik-Geschmack

Welt am Sonntag/Berlinteil vom 12.5.2002

Würstchen und Kartoffelsalat haben ausgerockt. Die Berliner (pah!! – RGF) Caterer Rote Gourmet Fraktion zaubern kulinarische Köstlichkeiten für verwöhnte Popstars auf Tour

Von Julia Siepmann.

Von nebenan, dort, wo die Musiker von Fury in the Slaughterhouse ihre Gitarren eingestöpselt haben, um zum Soundcheck ihre handwerklich soliden Ohrwürmer in die Halle zu pumpen, ist nur ein dumpfes Wummern zu hören. Von der Musik der sechs Hannoveraner Rocker bekommt man hinten, in der Backstage-Küche der Berliner Columbia-Halle, nicht viel mit. Außer, dass es hier drinnen schneller zuzugehen scheint als vorne auf der Bühne – aus dem Kassettenrekorder dröhnen die Ramones, auf der Chromablage unter der Abzugshaube klappern Teller und Pfannen, und zwischendurch verirren sich die grellen Stimmen dreitagebärtiger Tontechniker hierhin, um eilig einen Kaffee zu verlangen.

Die beiden Köche, die pfannenschwingend in Jeans und T-Shirt konzentriert zwischen Kühlschränken und Kochtöpfen hin und her gleiten, sind Ole Plogstedt, 34, und Jšrg Raufeisen, 36. Ihre kleine Catering-Firma haben die beiden Berliner Rote Gourmet Fraktion genannt und damit einen Namen gefunden, der ein wenig zu ihrer exotischen Klientel passt. Seit neun Jahren bekochen die Rote Gourmet Fraktion und ihre Helfer so ziemlich alles, was im deutschen Musikgeschäft Rang und Namen hat. Ob für das Hip-Hop-Kleeblatt die Fantastischen Vier, die Metaller von Rammstein oder die Dauer-Punk-Bands die Ärzte und die Toten Hosen: All diese Berufsrocker genießen vor ihren Auftritten die kreativen kulinarischen Kreationen der Tour-Caterer.

Das Abendessen für Fury und ihre Crew, insgesamt 40 Personen, ist an diesem Dienstagsabend fŸr die RGF eher Routine. Es gibt Lammbörek mit Pflaumenchutney und Möhren-Ingwer-Spitzkohl, Thunfischfilets mit Mohnvinaigrette und für die Vegetarier Spinat-Feta-Crêpe mit Paprikaschaum. “Wenn Die Toten Hosen auftreten, kochen wir sogar für hundert Leute”, sagt Ole Plogstedt und verziert einen Crêpe-Teller mit glatter Petersilie, “und das dreimal am Tag”. Für diese Größenordnung werden dann “andere Kumpels”, freie Mitarbeiter und auch mal andere Anarcho-Starköche wie Stefan Marquard vom Münchner “Lenbach” als Gastarbeiter verpflichtet. Dann steht die Küche rund um die Uhr unter Strom. Morgens gegen sieben Uhr werden Kühlschränke, Herd, Möbel und Geräte aufgebaut, dann in pausenloser Folge Frühstück, Mittag- und Abendessen zubereitet.

Während die satten Bandmitglieder nebenan ihr Konzert geben, schmiert die Küchencrew bereits Schnittchen für die Weiterfahrt in den Bussen. Erst weit nach Mitternacht wird die mobile Küche in die Trucks verstaut, bis sie sechs Stunden später in einer anderen Stadt wieder aufgebaut wird.

“Das hält man drei Tage am Stück durch”, sagt der blonde Jörg und hievt ein Blech mit mariniertem Thunfisch auf die metallenen Tresen gegenüber der Esstische. Über ihm baumeln Leichenteile aus Hartgummi – die RGF dekoriert neben den Tellergerichten auch ihren Arbeitsbereich mit viel Liebe. Überall Totenschädel und Plastiktierchen, selbst das Besteck liegt in Fächern, die mit rotem Plüsch ausgelegt sind. Die Küche als Kuriositätenkabinett. Weil das bei ihren Essern so gut ankommt, touren die beiden Jungs mit ihrer mobilen Küche unter dem Motto “Kitchen-Clubbing” auch selbst regelmäßig durch ganz Deutschland. Dann legt zu Mehrgängemenüs inklusive kulinarischer Offenbarungen wie “Leberwurst-Sushi” und “Blumenstrauß” ein DJ auf und ein “nicht großartig nervender” Moderator sagt die Gänge an.

Aber auch die Rockstars wollen vor ihrem Auftritt keine schnöden Bockwürste, Nudelsalat oder belegte Mett-Brötchen. “Kreativ, und vor allem leicht muss es sein”, weiß Ole, der vor 15 Jahren während seiner Ausbildung zum Koch im Berliner Hotel “Steigenberger” den Pâtissier Jörg kennen lernte. “Die Furys lassen sich gern überraschen”, verrät er. Rammstein essen – ein wenig wird das Klischee bestätigt – gerne Hackfleisch, “lieben aber auch frisch gepresste Säfte”, den Ärzten kocht die RGF individuell ihr Leibgericht, und Campino will vier Stunden vor dem Konzert immer einen Teller Nudeln.

Christof Stein-Schneider, Gitarrist der Furys, klimpert auf seinem Instrument und guckt in die Töpfe. “Faszinierend, was die beiden wieder gezaubert haben”, lobt er und hat sich beim Anblick der angerichteten Show-Teller schon entschieden, “ich nehm das Lamm”. Rockmusik und Essen und dann auch noch edel: Das passte bis vor nicht allzu langer Zeit so gut zusammen wie crème brulée und Kartoffelsalat. Heute zeigt der Blick in die Küche der Roten Gourmet Fraktion: Die meisten Rocker sind Feinschmecker und leben sehr gesund.

An diesem Dienstagabend kam das Thunfischfilet besonders gut an, war lediglich einem Roadie “innen viel zu roh”, aber selbst das kann Koch Ole gut verstehen. Er selbst isst nach Feierabend am liebsten “eine Rittersport Joghurt”.

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