Topf of the Pops
ELLE / 2002
Die “Rote Gourmet Fraktion” kämpft – mit Arnarchomenüs gegen den Hunger von Musikstars. Gehen die Bands auf Tour, sind die Berliner (Hamburger, aber macht nix – RGF) Caterer dabei.
Wovon Köche träumen? Von Sternen sollte man meinen. Von weißen steifen Mützen. Und von blitzenden, perfekt ausgestatteten Chromküchen. Stimmt aber nicht immer. Ole Plogstedt (34) und Jörg Raufeisen (36) haben eine Küche, die sie einpacken und mitnehmen können. Sie tragen, wenn überhaupt, Wollmützen bei der Arbeit. Und einen Stern haben sie sich selbst zugelegt. Auf T-Shirts gedruckt und “Rote Gourmet Fraktion” darunter geschrieben. So sind sie geworden, was sie heute sind: Tour-Caterer der besonderen Art. Ihr Job ist es, Rockstars auf ihren Tourneen kulinarisch zu begleiten. So durfte fast jeder, der hier zu Lande Konzerte gegeben hat – Die Ärzte, Die Fantastischen Vier, Fury in the Slaughterhouse, Die Toten Hosen -, bereits kosten, was die beiden können. Angefangen hat alles ganz anders. Mit einer grundsoliden Ausbildung im Hotel “Steigenberger” in Berlin. Ole lernte dort Koch, Jörg Konditor.
Neben dem fachlichen Know-how wurde den beiden dort aber vor allem eins beigebracht: “In vielen Hotel-Restaurants ist es den Leuten völlig egal, wie das Essen schmeckt. Hauptsache man trägt bei der Arbeit eine weiße Jacke, Halstuch und die Kochmütze dazu.” Würde man Koch- und Musikstile vergleichen, dann haben Ole und Jörg damals aufgetischt wie Céline Dion noch heute singt: Mainstream der gehobenen Art. Das war es aber nicht, was die beiden sich vorgestellt hatten. Im Kopf hatten sie keinen Schmusesound, sondern – da waren die beiden sich einig – Punk und Rock. Und irgendwie musste sich das doch mit dem Thema Kochen verbinden lassen. Also streiften sie nach der Arbeit gemeinsam durch die einschlägigen Bars und lernten dabei die einschlägigen Musiker kennen. Einer davon war Bela B., der Schlagzeuger der Ärzte. “Wir kamen auf die Idee, die Band zur Probe mal zu bekochen”. Kurz nach diesem Experiment saß die “Rote Gourmet Fraktion” im Tourbus, unterwegs zu ihrem ersten flexiblen Kücheneinsatz.
“Die ersten drei Tage waren Kampf. Küche irgendwo aufbauen, irgendwo einkaufen. Wir wussten, nicht, wann wer was und wieviel zu essen haben wollte. Chaos.”
Inzwischen kennen Ole und Jörg die Metro-Filialen der Republik. Sie wissen, dass im Durchschnitt pro Tag und Band unglaubliche 350 Liter Bier und Softdrinks, 30 Kilo Fleisch, 60 Kilo Obst und Gemüse herangeschafft werden müssen. Sie lernten, dass es guten Fisch nicht unbedingt an der Küste gibt, und welche Tankstellen ausgefallenes Tisch-Deko-Material (wie etwa kleine Teppiche mit Schäferhundmotiven) bereithalten. Vor allem aber ist ihnen heute klar, wie Musiker vor ihren großen Autritten verpflegt werden wollen. Schwere Mahlzeiten Stunden vor dem Auftritt sind beispielsweise absolut tabu. “Die Musiker sind auf Tournee sehr angespannt, die brauchen was Leichtes. Das ist ja nicht nur Rock`n´Roll. Das ist richtig harte Arbeit.” Dass es auch unter Pop-Stars Zicken gibt, erfuhren Ole und Jörg als Dreingabe. “Bei Him war es so, dass die Band ursprünglich nur Thai-Food wollte. Als wir dann für die Rest-Crew nebenbei mal Kartoffelpuffer machten, haben am Ende alle Puffer gegessen und das ganze Thai-Food wurde kalt.”
Essen ist eine sensible Angelegenheit, Geschmack ist subjektiv und Launen unterworfen. Schon deshalb ist es ein hartes Stück Arbeit, eine bunt zusammengewürfelte Crew – vom Lastwagenfahrer bis zum Star – von morgens bis abends glücklich satt zu machen. Gut ist, wenn man weiß mit wem man es zutun hat. Schlecht ist, wenn der Star ein Phantom bleibt. Courtney Love, zum Beispiel, tauchte in der Küche praktisch niemals auf. “Naja, sie war ja damals ja auch auf Methadon und hat lieber allein im Bus gegessen”, kommentiert Ole. Für Tricky wurden sie dagegen extra gebucht, weil es hieß, dass der so wahnsinnig schwierig sei. “Und dann stürzte auch gleich jemand auf uns zu und meinte, wir sollten ausschließlich indisch oder mexikanisch kochen… Tricky, der das mitbekam, kam hinterher zu uns und sagte ganz entspannt, dass er alles essen würde, was wir ihm auf den Tisch stellen.” Eine Regel gilt allerdings immer: In der Küche entscheidet sich die Stimmung für die ganze Tournee. “Wir versuchen, das zu steuern, Gemütlichkeit zu schaffen. Also, zum Beispiel die Tischanordnung möglichst immer ähnlich aufzustellen. Auch unsere Buffets werden immer geschmückt.” Mit Horrordevotionalien wie Grabkerzen oder Totenkopffahnen, zum Beispiel. Jörg: “Das ist unsere Art, zu provozieren, so wie Rammstein mit ihrer Musik”. Stegreifkünstler sind die beiden im Laufe der Zeit geworden, Vollprofis in Sachen Improvisieren und Kreieren. Bei der “Roten Gourmet Fraktion” gibt es täglich neuerfundene köstliche Chaos-Menüs. “Kreativität beim Kochen kann man nicht lernen. Farin Urlaub von den Ärzten hat ja auch nie ein Hit-Schreibe-Seminar besucht,” erklärt Ole. Und so entsteht Kartoffelrisotto mit in Basilikum gegartem Steinbeißer und Rote-Bete-Grütze. Oder Entenbrust mit Erdbeeren, dazu gibt es Speck-Gnocchi. Oder karamellisierte Kartoffeln mit Linsencurry und eine Kokos-Orangen-Sauce…
Klingt wie der Auszug aus der Speisekarte eines jungen, wilden Sterne-Restaurants. “Wir sind bestimmt die einzige Catering-Firma, die immer wieder mal Sterneköche als Gastarbeiter hat. Eines Tages hat Campino uns Stefan Marquard vorgestellt, den Sternekoch aus dem “Lenbach” in München.” Die Rote Gourmet Fraktion war freudig überrascht, dass es doch mehr Kollegen gibt, die so denken wie sie. Die ebenfalls daran arbeiten, den engen Berufsrahmen zu sprengen, anarchistische Haltungen zu den klassischen Menüfolgen entwickeln. Und die auch noch ähnliche Musik mögen. Jörg: “Wolfgang Müller hat gerade für sein Restaurant “Adermann” in Berlin einen Stern bekommen. In seiner Küche stehen zwei Riesenboxen aus denen am liebsten Marilyn Manson dröhnt.”
Kriegt man da nicht auch Lust auf ein eigenes Restaurant? So langsam, bestätigen die beiden: Pläne gibt es schon. Auf jeden Fall wird es in Hamburg sein. “Wir wollen ohne Kellner arbeiten. Kellner sind Zwischenhändler. Die Kommunikation ist viel besser, wenn du deinen Gast siehst und er dich. Dazu muss die Küche natürlich mitten im Restaurant stehen…”. Klingt ziemlich vielversprechend. Campino, Bela B. und die Jungs von Rammstein würden bestimmt mal vorbeischauen.
Melanie Kunze
Reportage in der März Ausgabe der “ELLE”
2002 ELLE Verlag / Burda GmbH




