Prost Mahlzeit!
ME/Sounds 6/1999
Was bei den Großen aus Rock und Pop auf den Tisch kommt
Wer rockt, der soll auch essen, sagt schon der Volksmund. Doch die Zeiten von Fritt’n'Bier’n'Rock’n'Roll sind lange vorbei – der Star von heute lebt gesund.
von Ulrich Hoffmann
Putencurry ist der Horror eines jeden Musikers. Denn Putencurry ist billig, einfach, und man kann es gut warmhalten. Deshalb gibt es auf jeder Tour andauernd Putencurry – wenn die Musiker und Crew sich nicht massiv zur Wehr setzten. Das Beste wären da eigene Köche mit auf Tour zu nehmen, die abwechslungsreiche Menues bla bla bla…
Auch deutsche Bands achten mittlerweile auf ihre Ernährung, wie Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen vom Catering-Service “Rote Gourmet Fraktion” (kurz RGF) wissen. Die RGF sind die Stamm-Verpfleger für Bands wie Die Ärzte, Die toten Hosen oder Rammstein – also eher die etwas härteren Party-Genossen, möchte man meinen. Aber obwohl “natürlich immer noch gekifft wird”, so Plogstedt und Raufeisen, sehen sie sich keineswegs als die zentralen Organisatoren von ausufernden Backstage-Orgien. Im Gegenteil: “Natürlich feiert man auch mal eine Nacht durch, vor allem wenn der nächste Tag frei ist. Aber Bands, die schon länger dabei sind und noch eine Weile dabei bleiben wollen, achten ganz extrem auf ihre Ernährung, und die Crew sowieso”. Denn Crewmitglieder – Beleuchter, Bühnenarbeiter, Roadies, usw. – machen den Job meist viel länger als jeder Musiker, die Rolling Stones vielleicht mal ausgenommen. Da kann man halt nicht jeden Tag saufen, rumhuren und Fritten fressen.
“Wir betrachten den Eßraum als so was wie den zentralen Marktplatz”, sagen Ole und Jörg, “und wir bemühen uns, allen Beteiligten das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Wir kochen also frisch, gehen jeden Tag einkaufen, servieren das Essen portionsweise auf Porzellantellern, Buffets und Räumlichkeiten dekorieren wir schräg und individuell – da hängen dann halt ein paar Gliedmaßen aus Plastik rum, daneben steht eine Carrera-Bahn. Oder wir machen mit unserer Großhirnform Grießpudding, der kommt immer gut an”.
Typisch für die RGF: Zur Release-Party der Ärzte Single “Männer sind Schweine” stellten sie einen echten Schweinskopf aufs Buffet – Rock’n'Roll Catering funktioniert eben doch ein ganz klein wenig anders als die Ausrichtung einer Hochzeit im Bürgerhaus Wilhelmsburg.
Zu den weiteren Highlights der RGF-Küche an einem ganz beliebigen Tourtag gehören: Zuckerschotensuppe mit Minze, Barberie-Entenbrust mit karamellisierter Orangensauce, süßes Milcheis-Sushi. Und zu Ostern backen die schöngeistigen Herren Küchenchefs auch schon mal einen Kuchen, auf dem in geschwungenen Lettern steht: “Verfickte Ostern, Ihr Schwanzlutscher!”
Für ca. 80 Leute auf einer Tour bauen Jörg und Ole jeden morgen die Küche neu auf (“Wir brauchen nur Strom und Wasser, alles andere bringen wir selbst mit”), machen Frühstück, Schnitten, einen leichten Lunch, drei abendliche Hauptgerichte (Fisch, Fleisch, vegetarisch), Obstkörbe, Salate und dann noch ein paar Gute-Nacht-Brote für die Weiterfahrt im Bus.
Die RGF begleitet ihre Kunden auf deren Gesundheitstrip: Rammstein-Stahlkörper Till Lindemann geht täglich schwimmen und trinkt der Stimme zuliebe heiße Milch mit Honig. Die Ärzte entsaften täglich eine Kiste Orangen. Und der neuste Drink-Tourhit aus dem Hause RGF ist frischgepreßter Saft aus Rote Beete, Karotte, Apfel und Sellerie mit einem Schuss Öl – super gut für Stimmen und Stimmung! Gerade die Frontmänner und -frauen müssen natürlich auf ihre Verdauung achten. “Die hopsen da zwei bis drei Stunden auf der Bühne rum, das geht nicht mit gut vollem Bauch”, wei¤ man bei der RGF. Also essen die Bühnentiere vier Stunden vor der Show einen Teller Nudeln, die sind rechtzeitig verdaut und geben lange Power.
“Campino fährt vor den Konzerten meist mit Rollerskates durch die leere Halle, um sich die Zeit zu vertreiben”, erinnern sich die RGF-Chefs grinsend, “manchmal holt er sich die Nudeln auch auf Skates ab. Einmal kam er kurz darauf wieder, total voll mit Tomatensauce, und bat etwas kleinlaut um einen neuen Teller voll – der hatte sich so richtig auf die Fresse gepackt”. “Wer keine Zeit hat, zum Essen zu kommen, dem bringen wir auch mal was auf die Bühne oder sonstwohin, egal ob Musiker oder Crew”, sagen die RGFler. “Und Sonderwünsche versuchen wir natürlich auch zu erfüllen. Die Beastie Boys sind Veganer, die essen nicht mal Milchprodukte und bestanden auf Öko-Spinat und Ginseng-Wurzeln. Haben wir ihnen vom Öko-Bauern besorgt. Wir sind halt so ein Tante-Emma-Laden”.
Überhaupt macht die RGF immer das Beste aus den Gegebenheiten: “Wir waren auf Tour mit den Immaculate Fools und Inchtabokatables”, erinnern sie sich, “und es war so kalt, daß sogar das Klo im Tourbus einfror. Also servierten wir statt Bier eben heißen Irish Coffee. Das war klasse!” Nur Putencurry gibt’s bei der RGF – wie bei allen Caterern, die noch was länger im Geschäft bleiben wollen – einzig auf ausdrücklichen Wunsch der Künstler.
Ulrich Hoffmann
Musikexpress/Sounds vom Juni 1999 / Nr. 6


