Süddeutsche
Zeitung Nr. 208 / Seite 3 von Montag, dem 10.09.2001
Schlemmen gegen Rechts
Politisch aktiv mit dem Kochlöffel (von
Reymer Klüver)
Unter , 9.September - Wie wär´s mit Enten-Geröstel
auf schwarzem Dachziegel? Und vorneweg vielleicht ein Scampi-Shooter, ein Süppchen,
im Reagenzglas serviert? Anstelle des üblichen Korkens verstopft mit einer
Garnele? Es ist so ziemlich alles anders an diesem Abend, nicht nur das etwas
ungewöhnlich dargebotene Essen. Auch die weißblaue Kulisse der sternförmig
um die Küche aufgebuten Tische ist schillernd: Weiß gleißen
die angestrahlten Getränke-Kisten, 15-fach aufeinander getürmt, blau
schimmern die darin befindlichen Wasserflaschen. Ente und Garnele, Aal und Kalbszunge
werden im nüchternen Lagerhaus der Sylt-Quelle gereicht, im kleinen, feinen
Inseldorf Rantum, nur ein paarr Schritte vom Wattenmeer entfernt.
Event
nennt man derartige, leicht grelle Veranstaltungen nicht nur auf der Insel Sylt.
Sechs Küchenkünstler, unter ihnen die Sterneköche Ralf Zacherl,
Wolfgang Müller und Stefan Marquarrd (letzterer, in Münchens Lenbach
tätig, spielt nebenher schon mal in einer Punkband) haben sich zusammengefunden,
um an diesem Sonntagabend 200 Gästen ein Menü der Meisterklasse mit
ingredienzen aus den fünf Kontinenten dieser Erde zu servieren. Dabei machten
die Star- und Sterneköche gemeinsame Sache mit der Roten Gourmet Fraktion,
einem Cateringunternehmen, das für gewöhnlich Popbands wie Die Toten
Hosen oder Die Ärzte auf ihren Tourneen verköstigt. Kein geringerer
als Campino, der Sänger der Toten Hosen, hatte Caterer und Köche zusammengeführt.
Nun, all dies wäre nicht unbedingt bemerkenswert, hätten nicht zur
selben Zeit etwa 60 Spitzenköche in 40 Restaurants quer durch Deutschland
ebenfalls ihr persönliches 5-Kontinente-Menü serviert, in weiteren
Restaurants auf Sylt, in Hamburg, Hanbnover und Berlin, auf der Insel Rügen,
und auf Gut Boltenhagen an der Mecklenburgischen Ostseeküste, im schwäbischen
Salach und in Heidelberg (in München allerdings hat sich niemand gefunden).
Sie alle kochen wohl nicht so schrill wie die sechs jungen, wilden Köche
im Watt. Doch alle kochen sie gegen Rechts und "für ein weltoffenes
Deutschland". Sie beteiligen sich an einer Initiative Namens Cuisiner du
Coeur (Koch mit Herz), die von Christian Romanowskr, einem Händler für
exquisites Küchengerät, initiiert und von bekannten Meistern der Kunst
wie Roplf Staubinger, Susanne Vössing, Sante de Santis oder Wolfgang Müller
unterstütz wurde. Der Erlös des bundesweiten Benefiz-Kochens soll
dem Verein "Gesicht zeigen!" zufließen, den neben anderen der
Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, und
der Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye als eine Antwort auf den wachsenden
Rechtsextremismus in der Bundesrepublik gegründet haben.
Überall wollten Künster an diesem Abend mitmachen, Schauspieler oder
Moderatoren für den guten Zweck kellnern. Und ihre Gäste sollten quasi
für eine gerechte Sache schlemmen. Doch gerade das, findet der schreibende
und auch sonst keinerlei Genüssen abgeneigte Frankfuter Koch Klaus Trebes,
hat dann doch Haut Gout. Im Zwiegespräch mit einem der Titanen des Kochtopfs,
dem Stuttgarter Großmeister Vincent Klink, murrte er in der "Woche",
das ganze sei nichts als "Selbstberuhigung für Gutmenschen".
Womit er zumindest im einem nicht so falsch liegen kann: Wer zweihundert Mark
für ein Benefiz-Essen zu zahlen bereit ist, muß wahrscheinlich nicht
mehr lange uberzeugt werden von guten Zweck der Sache.
Doch bemerkenswert, wenn nicht beunruhigend ist, was Vincent Klink seinem Kollegen
antwortet. Und was z.B. auch Ole Plogstedt von der Hamburger Rote Gourmet Fraktion
beklagt. Klink meint, die Gastronomie in Deutschland sei "allgemein verdammt
rechtslastig", weshalb er die Aktion unterstütze. Allein die Zeit
fehle ihm, um richtig einzusteigen. Und Plogstedt erzählt, auch in Kreisen
von Gourmets und Gourmands hätten es mache für geschmackvoll erachtet,
die Aktion der Köche als "Judenveranstaltung" zu beschimpfen.
"Wer da nichts tut, der macht mit, gerade auch im unserer Szene",
sagt Plogstedt. Der Berliner Marco Müller, der mit 33 Jahren zu den Nachwuchs-Stars
zählt und an der Sylt-Quelle ebenfalls dabei ist, glaubt, dass gerade junge
Köche Vorbilder brauchen:"Wir wollen, dass bei den Kollegen ein Prozeß
im Kopf losgeht."
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