Erst kommt das Fressen, dann die Musik

Die Zeit – 5/2002

Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen bekochen als “Rote Gourmet Fraktion” tourende Punkbands mit bizarren Speisen. Ihr Handwerk verstehen..

von Jörg Schallenberg

Die geladenen Gäste in der Hamburger Prinzenbar waren begeistert von den neun Gängen, die ihnen Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen an diesem Abend servierten. Etwa von der Schokoladen-Kalbszunge auf Couscous namens “Zungenkuss auf Pflasterstein”, die natürlich auf ebensolchen Steinen serviert wurde, oder von der “Haribo-Lasagne” aus Gummibärchenschaum und den Schokoladenplättchen als Dessert. Fast alle Speisen hatten Ole und Jörg vor Publikum zubereitet, begleitet von einem DJ, der die Geschmacksnerven mit ein paar harten Gitarren reizte. In den Pausen traten Kleinkünstler auf.

“So könnte Kitchen-Clubbing aussehen”, sagt Jörg nach der gelungenen Pilotveranstaltung. Angefangen hat alles, als Ole, 36, und Jörg, 34, sich vor neun Jahren als Rote Gourmet Fraktion selbstständig machten, die weiße Kochmütze an den Nagel hängten und chromglitzernden Hotelküchen wie jener des Steigenbergers in Berlin ade sagten – um fortan in Doc Martens, schwarzen Jeans und schwarzen T-Shirts zwischen einem Dutzend mobiler Herde, Backöfen und Kochplatten im Fett herumzuglitschen. Bevorzugt in winzigen Backstage-Kabuffs von Konzerthallen wie der Großen Freiheit in Hamburg, dem E-Werk in Köln oder dem Colosseum in München.

Es war Bela B., ausgewiesener Punkrocker und Trommler der Ärzte, der Ole und Jörg 1993 für die erste große Tournee seiner Band nach langer Pause engagierte. Alles ging gut, so gut, dass sich Jörg und Ole in den kommenden Jahren vor Anfragen kaum retten konnten. Sie waren mit Tricky unterwegs, mit Courtney Love, mit HIM, mit Michael Flatley, mit Rammstein und immer wieder mit ihren Freunden, den Ärzten und den Toten Hosen. Zurzeit touren sie mit Fury in the Slaughterhouse durch Deutschland, und Gitarrist Christof Stein-Schneider freut sich ein paar Stunden vor dem Auftritt in München diebisch, “dass wir die Jungs den Toten Hosen vor der Nase weggeschnappt haben”.

Bei Ole und Jörg isst sogar der “eingefleischte Currywurst-Typ” Stein-Schneider mal Vegetarisches oder Fisch. Zumindest, wenn der aussieht wie an diesem Abend. Angekündigt hat die Küche “Junkie-Fish”: mit Pinienkernen panierten Steinbeißer, in dem eine Einwegspritze mit grüner Flüssigkeit steckt. “Eine Mischung aus Senf, Limone und Kurkuma, die jeder in seinen Fisch drücken kann”, erläutert Ole.

Neben der Speisekarte voller pikanter und derber Details gefällt dem gemeinen Rock ‘n’ Roller besonders die Dekoration, mit der die Rote Gourmet Fraktion aufwartet. Fury in the Slaughterhouse würzen ihren Fisch zwischen abgerissenen Plastikbeinen und Gummiköpfen, die von den Rohren des Backstage-Raums baumeln, beobachtet von einem künstlichen Wolfskopf. Durch die Salate kriecht Plastikgetier von der Vogelspinne bis zur Eidechse. Das alles ist nur ein Teil jener Ideen, mit denen die Köche sich in den nächsten Jahren vom Rockgeschäft abkoppeln und, so Jörg, etwas “in Richtung Event-Kochen aufziehen” wollen. Der Auftritt in der Prinzenbar und das “Kochen gegen rechts”, das sie im vergangenen Jahr mit den Ärzten auf Sylt inszenierten, waren erste Proben.

“Künftig”, sagt Jörg, “soll alles möglich sein, je nachdem, wer uns engagiert oder wo wir passende Orte finden, um etwas auf die Beine zu stellen.” Anfragen gibt es reichlich. Befreundete Sterne-Köche wie Stefan Marquard vom Münchner Lenbach oder Wolfgang Müller vom Berliner Ademann, die auf Tourneen ein Gastspiel in der Punk-Küche gaben, dürften beim Kitchen-Clubbing ab und an dabei sein, Bands wie die Inchtabokatables oder Fury in the Slaughterhouse wollen je nach Bedarf Kammermusik oder Rock ‘n’ Roll beisteuern. Somit dürfte bald die erste Tour anstehen, auf der die Köche die Stars sind. Als Plakat könnten sie die Urkunde verwenden, mit der das Europäische Patentamt ihnen Namen und Wappen geschützt hat – jetzt prangt direkt neben dem fünfzackigen roten Stern mit weißem Küchenmesser der Bundesadler.

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